Du bist ein Gast - Registrieren | Anmelden

Mein Papa ist der Pfarrer

Keine Antworten
frange
Offline
User
Beigetreten: 09.09.2009
Punkte: 896
Mein Papa ist der Pfarrer

Wird die ev Kirche das Auffanglager gestrandteter kat. Prieser ?

aktualisiert: 26. Dezember 2010, 15:14 Uhr » zur Übersicht Landkreis Würzburg

Artikel

Schrift vergrößern Text Schrift verkleinern Text
„Mein Papa, der ist Pfarrer“.

Der Wechsel des Oliver Wirthmann

Kitzingens ehemaliger katholischer Stadtpfarrer Wirthmann verliebte sich vor zwei Jahren in eine Mitarbeiterin, kündigte die Heirat an und verlor seine Stelle. Ab 1. Januar arbeitet Wirthmann als evangelischer Seelsorger.

* Hand in Hand schwere Zeiten gemeistert: Familie Wirthmann in der neuen Heimat im Rheinland: Oliver Wirthmann mit Ehefrau Dagmar, Sohn Anton und der Hündin Paula.
Foto: Neuhöfer

vergrößern schließen
Hand in Hand schwere Zeiten gemeistert: Familie Wirthmann in der neuen Heimat im Rheinland: Oliver Wirthmann mit Ehefrau Dagmar, Sohn Anton und der Hündin Paula.
Foto: Neuhöfer

Oliver Wirthmann, bis zum März 2009 gut ein halbes Jahr lang Stadtpfarrer in Kitzingen, wird evangelischer Pfarrer. Weil er sich in eine Mitarbeiterin der Würzburger Diözesanverwaltung verliebte und sie heiraten wollte, wurde der aus Lohr stammende Wirthmann vom Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann von allen priesterlichen Aufgaben entbunden und hat Kitzingen verlassen. Im August 2009 heiratete der heute 38-Jährige seine Dagmar, im September 2010 kam Sohn Anton zur Welt. Ab Januar 2011 wird Oliver Wirthmann wieder in der Seelsorge arbeiten – als evangelischer Pfarrer in zwei größeren Stadtgemeinden in Köln. Ein Rückblick auf zwei bewegte Jahre.
Sie sind im März 2009 quasi über Nacht aus Kitzingen verschwunden. Es hat viel Aufregung gegeben, in der Pfarrgemeinde war von Flucht die Rede. Warum musste Sie ohne Abschied gehen?

Oliver Wirthmann: Nach der Suspendierung darf man keine Gottesdienste mehr mit seiner Gemeinde feiern und soll nicht mehr offiziell in der Gemeinde in Erscheinung treten: Ein Verantwortlicher aus Würzburg kommt und verkündet den Schritt der Gemeinde. Den Auszug aus einem Pfarrhaus habe ich tatsächlich wie eine Flucht erlebt, heimlich, schnell und leise weg. Wie gerne wäre ich in Kitzingen geblieben, und das sage ich nicht einfach so. Ich hatte mich bereits nach den wenigen Monaten sehr wohl gefühlt.
Wie waren die Reaktionen in Kitzingen?

Wirthmann: Verletzt und auch geärgert hat mich ein Satz, den ich in Kitzingen hören musste: Warum haben Sie eine so große Stelle überhaupt angenommen, wenn Sie wussten, dass sie heiraten wollen? Die neue Situation ergab sich erst als ich bereits einige Zeit in Kitzingen tätig war. Darauf wurde mir dann erwidert: Meinen Sie dann nicht, dass Ihr Schritt überstürzt kommt. Was nehmen sich Leute heraus, darüber zu urteilen? Es ist anscheinend im Verständnis einiger Menschen besser, seine Liebe heimlich zu leben, Hauptsache, man funktioniert, wie sie es erwarten.
Hatten Sie noch Kontakte nach Kitzingen?

Wirthmann: In Kitzingen war ich leider nur ein halbes Jahr, aber auch dort sind Kontakte geblieben. Es gab und gibt aber zahlreiche Kontakte zu meiner früheren Gemeinde in Heigenbrücken und Jakobsthal. Viele haben mir ihre Wertschätzung und Unterstützung geschenkt. Einige haben aber auch gesagt, jetzt hätte ich die Kirche verraten. Dazu fällt mir nur Matthäus 7,1 ein: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“
Aber klar ist, Sie haben bei ihrer Entscheidung, katholischen Priester zu werden, gewusst, was mit dem Zölibat auf Sie zukommt?

Wirthmann: In der Priesterausbildung haben wir sehr oft über das Thema der Ehelosigkeit reflektiert. Keiner hat mich jemals zu dem Schritt gezwungen, die „Ehelosigkeit um des Himmelsreiches willen“, wie es so schön heißt, zu versprechen. Ich dachte: Irgendwie packst du das schon. Da habe ich mir wohl selbst etwas vorgemacht. Zum Glück habe ich aber dann erkennen dürfen: Das ist nicht mein Weg.
Wann haben Sie das festgestellt?

Wirthmann: Das ist alles sehr schnell gegangen. Es gibt Erkenntnisse, die spontan und evident in das Leben hinein brechen.
Wäre eine heimliche Liebe – wie scheinbar für andere Pfarrer – für Sie ein Thema gewesen?

Wirthmann: Was andere katholische Priester tun oder lassen, möchte und kann ich nicht beurteilen. Auch gibt es so viele Priester, die aufrecht und ehrlich ihr Weiheversprechen der Ehelosigkeit leben. Mir geht es persönlich nicht um eine Kritik am Zölibat, nur darum, dass man rigoros aus dem System gestrichen wird, wenn man eine Lebensentscheidung revidieren muss.
Nach Ihrer Entscheidung, wie war der Gang zum Bischof?

Wirthmann: Es war ein schwerer Weg, zum Bischof zu gehen, wollte ich doch immer ein guter Seelsorger und Pfarrer sein. Leider war aber das kein Thema. Meine Frau als promovierte Theologin im Kirchendienst musste durch einen Aufhebungsvertrag ihre Tätigkeit aufgeben, bei mir erfolgte die Suspendierung. Wir wollten unseren Weg aber authentisch und aufrecht gehen. Einige Verantwortliche haben unseren Schritt bedauert, andere wussten ja schon immer, dass ich kein guter Priester gewesen sei. Aufrecht zu gehen, wirkte für manche kirchlich Verantwortliche als dreist, einfordernd und undankbar.
Wie ging es weiter?

Wirthmann: Suspendierung, Auszug aus dem Pfarrhaus – mir wurde für meine Jahre die Rentenversicherung nachgezahlt und es gab in der Tat eine Abfindung.
Als Sie zum Bischof gingen, wussten Sie da, wie es beruflich weitergehen könnte?

Wirthmann: Nein, ich musste mühsam in der neuen Heimat im Rheinland auf die Suche gehen. Da habe ich viele bittere Stunden erfahren, viele Absagen. Dann konnte ich aber als Realschullehrer des Landes Nordrhein-Westfalen tätig werden. Freilich durfte ich nicht einmal mehr Religion unterrichten, lebte ich doch, wie es von Seiten der Kirche offiziell heißt, „in kirchlich nicht geordneten Verhältnissen“ und war „kein Vorbild in christlicher Lebensführung“. Des Weiteren habe ich in den vergangenen beiden Jahren als Trauerbegleiter Menschen beim Abschied in Trauerfeiern begleitet.
Was hat Ihre Frau in der Kirche gemacht?

Wirthmann: Meine Frau war in einer gehobenen Position als Diözesanrichterin am kirchlichen Gericht in Würzburg tätig. Sie hat in Rom studiert und auch eine Promotion absolviert. Deutschlandweite Bewerbungen meiner Frau für verschiedene kirchliche Tätigkeiten waren schon bei der Nennung unseres Namens erfolglos.
Und wie ging es weiter?

Wirthmann: Die letzten beiden Jahren waren die umwälzendsten und aufregendsten meines ganzen Lebens. Die rheinische Mentalität empfinde ich als offen und herzlich. Meine Frau und ich sind in eine kleine Wohnung gezogen. Dann ging die Suche nach neuen Perspektiven los – und das zum Höhepunkt der Wirtschaftskrise. Ich konnte in der Schule als Lehrer gut arbeiten, meine Frau ist jetzt für die Bundesagentur für Arbeit tätig. Durch den Kontakt zu Kölner Bestattern habe ich später als Trauerbegleiter arbeiten können. Jeder Tag brachte aber neue Sorgen und Fragen.
War das nicht belastend für die Beziehung?

Wirthmann: Unsere Liebe hat das eher verstärkt und wir wussten zu jedem Zeitpunkt: So ist unser beider Leben wesentlich gesünder und ehrlicher. Kurzum: Eine harte Zeit, aber ein großes Glück, die Liebe des Lebens gefunden zu haben. Das ist alles andere als Euphorie und Schwärmerei.
Was ist aus der Zeit hängen geblieben?

Wirthmann: Es gab schon Verletzungen. Die größte lag für mich darin, so einfach ohne großes Aufhebens aus dem System gelöscht zu werden. Vieles, wie innerkirchlich über uns gedacht und geurteilt wurde, haben wir hinten herum zugetragen bekommen. Ich will diese Wunden nicht wieder aufreißen, wir haben lernen müssen, dass es besser ist, manche Dinge nicht offen auszusprechen. Einmal hörte ich, eine Person wollte in Sendelbach aus dem Pfarrheim mein Bild entfernen, da ich jetzt ja kein Sendelbacher Priester mehr sei. Ich danke den Verantwortlichen, die gesagt haben: Der gehört zu uns und der bleibt hängen. Dazu kam noch die Entwürdigung für meine Frau, sie habe einen Priester verführt. Wenn man so etwas hört, denkt man, das Mittelalter sei wieder aktuell.
Und dennoch wollten Sie in der Kirche bleiben?

Wirthmann: Ich wollte trotz meiner Suspendierung immer katholisch bleiben, stellte aber fest, dass für meine Frau und mich nur noch auf dem „Sünderbänkchen“ der Kirche Platz war. Die elementaren Glaubensüberzeugungen in Blick auf Christus haben sich für mich nicht verändert, wohl aber mein Bild von Kirche. Die Erkenntnis ist in mir gereift: Gott will, dass ich als Pfarrer tätig bin, dort liegt meine Berufung im Tiefsten verankert.
Und das ging nur durch einen Wechsel zur evangelischen Kirche?

Wirthmann: Ja. Zu Beginn saßen wir ganz hinten in evangelischen Gottesdiensten. Wir waren willkommen, ohne Pathos und große Worte. Oft musste ich bei Predigten der Pfarrerin weinen. Als dann beim Abendmahl der Satz fiel, alle sind eingeladen, wurde mir klar: Ja, Jesus ruft mich an seinen Tisch, auch wenn ich nach katholischem Verständnis nicht zur Kommunion gehen darf, geschweige denn zu einem evangelischen Abendmahl.

Ich erinnere mich genau an ein Interview mit der ehemaligen Bischöfin Margot Käsmann. Sie sagte: Lebensentwürfe können scheitern, keiner muss den anderen dafür verurteilen. Denn durch die Reformation wissen wir: Wir sind von Gott aus Gnade gerechtfertigt. Das traf ganz tief in meine Seele.
Haben Sie beide gewechselt?

Wirthmann: Ja, wir sind beide den Weg in die evangelische Kirche gegangen. Wir haben nach der standesamtlichen Heirat 2009 in diesem Jahr auch kirchlich heiraten dürfen. Keiner hat uns verurteilt, keiner vereinnahmt, keiner uns Bedauern entgegengebracht. Wir durften einfach da sein.
Und der Sohn?

Wirthmann: Der ist im Dezember getauft worden. Im September kam er in Köln zur Welt. So ist er in die evangelische Kirche hinein getauft worden, aber wie alle Christen auf Christus. Mein Sohn soll später einmal frei sagen können: Mein Papa, der ist Pfarrer!
Wie sind die Kontakte zur evangelischen Kirche entstanden?

Wirthmann: Die evangelischen Pfarrer in Kitzingen haben mir den Rücken gestärkt. Ich denke in Dankbarkeit an Dekan Hanspeter Kern und Pfarrer Bernd Ahrens sowie Pfarrer Christian Bernhart aus Segnitz. Das war ein ganz starker Satz von vielen evangelischen Pfarrern: „Für uns sind Sie immer noch Pfarrer und Kollege.“ Auf dem Glaubensweg haben mich dann auch hier im Rheinland viele in Gesprächen begleitet.
Wie geht so ein Wechsel vor sich?

Wirthmann: Ich habe Seminare an der evangelischen Hochschule in Wuppertal absolviert und Kurse durchlaufen, die spezifisch für den Dienst als evangelischer Pfarrer wichtig sind. Auch gab es mehrere Prüfungen von Gottesdienst, spezifischen evangelischen Themen und ein langes Bewerbungskolloquium. Zu jedem Zeitpunkt wurde mir ruhig, ehrlich und in einem transparenten Verfahren der Weg gebahnt. Nie hatte ich den Eindruck, ich würde aus Mitleid genommen. Vielmehr sagte man zu mir am Ende aller Prüfungen und Kurse: Sie gehören zu uns. Das ist es für mich: Zu einer Kirche gehören zu dürfen, wo ich mit meiner Frau und meinem Kind willkommen bin.
Wie kommen Sie mit den Unterscheiden zurecht?

Wirthmann: Das apostolische Glaubensbekenntnis besteht aus 103 Worten. Unterschiedlich ist davon ein Wort: katholische oder christliche Kirche. Sicher gibt es Unterschiede. Ich habe aber im Prozess der Vorbereitung erstaunt festgestellt: Das, was die Reformation und die evangelische Kirche sagt, ist mir nicht nur nicht fremd, sondern entspricht auch meiner jetzt gewachsenen Glaubensüberzeugung. Unbeschadet dessen gibt es wertvolle katholische Erfahrungen, für die ich dankbar bin. Ich habe gelernt: Es geht primär nicht um katholische Lehrmeinungen, sondern um den Glauben, die Heilige Schrift und die Freundschaft mit Christus. So hat sich mein Primizspruch bewahrheitet: »Viele Wege – Christus der Weg!«
Wann und wo werden Sie als evangelischer Pfarrer im Einsatz sein?

Wirthmann: Ich werde ab Januar offiziell in den Dienst der evangelischen Kirche im Rheinland treten, habe aber bereits mitgeholfen. Zunächst werde ich in zwei größeren Stadtgemeinden in Köln arbeiten. Ich werde direkt einer Pfarrerin und Superintendentin (Dekanin) zur Entlastung zugeordnet.
Ihr Wunsch für die Zukunft?

Wirthmann: Unser Weg war steinig und hart. Keiner soll glauben, dass man nur wegen der Arbeitsstelle konvertiert. Es tut weh, wenn Menschen meinen, man würde es sich dabei leicht machen. Im Jahr 2017 wird der 500. Jahrestag der Reformation begangen. Wie sehr sehnen sich Menschen nach einer Kirche und einem Glauben, der ihre Sorgen und Fragen aufgreift. Ich wünsche beiden christlichen Kirchen etwas von der Erfahrung eines Kirchenliedes, das mich sehr anrührt: „Ich träume eine Kirche, die atmet Jesu Geist und lebt die ganze Hoffnung, die unser Gott verheißt, ich träume eine Kirche, die hat auf Macht verzichtet und sich vom Muff entstaubt.“ Eine Kirche, die Platz hat für Menschen im 21. Jahrhundert. Der Taufpsalm unseres Sohnes heißt: „Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Gefunden in der Main-Post

Der weiteste Weg beginnt mit einem Schritt