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Ebbe und Flut

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Elli11946
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User
Beigetreten: 20.06.2010
Punkte: 4
Ebbe und Flut

Das immer wieder faszinierende Schauspiel der Ebbe und Flut
Möwen umkreisen ein Fischerboot, das am Strand angelegt hat. Das Meer ist
ruhig und ab und zu gleitet ein einsamer Surfer an mir vorbei. Ich sitze in einer
Bucht und genieße die Stille.
Ebbe hat eingesetzt und langsam geht das Meer, irgendwohin. Ebbe und Flut ist
für mich immer wieder ein Schauspiel und ich genieße die Gezeiten, weil sie das
Meer so abwechslungsreich machen. Es ist einfach nicht immer da und
hinterlässt einen Meeresboden, den zu erkunden, für mich immer wieder mit
einem kleinen Abenteuer verbunden ist. Immer wieder kehrt das große Wasser
zurück mit der Genauigkeit einer Uhr und der Herr der Gezeiten, unser guter,
alter Mond, hat dafür die ganze Verantwortung. Jahraus, jahrein im Laufe der
Zeiten immer wieder das gleiche Spiel und niemals wird sich daran etwas
ändern, wie unfassbar schön!
Ein Muschelmännchen liegt vor mir auf der Strandmatte, es ist hübsch
geworden. Die grünen Haare aus Meerestang machen sich gut und eigentlich
sieht das Männchen eher wie eine Meerjungfrau aus, eben dem Meer entstiegen.
Ich freue mich über mein Kunstwerk und das Kind in mir hat wieder einmal
etwas zu tun gehabt und ist nun für eine kleine Weile froh und zu zufrieden.
Schön ist es, wenn man sich so richtig fallen lassen kann und einfach das tut,
wozu man gerade Lust verspürt.
Nach Stunden sitze ich immer noch am Strand und versuche, das Meer, das
gerade wieder kommt, langsam, und dennoch voll Schwung die Wellen an
meine Füße peitscht, aufzuhalten, indem ich meinen Wall aus Sand immer höher
und höher baue. Anfangs läuft das Wasser noch um meinen aufgeschichteten
Sandhaufen herum, aber schon bald habe ich verloren. Das Meer breitet sich
aus, mehr und mehr, es wird tiefer und tiefer und die Muschelbänke
verschwinden vor meinen Augen. Ich bin immer wieder fassungslos vor so viel
Macht und komme mir klein und unscheinbar vor.
Ich lege mich entspannt neben mein Muschelmännchen und lausche dem Gesang, den der Wind, die Wellen und die Möwen für mich anstimmen.
Ich wünschte mir, hier eine kleine Ewigkeit verweilen zu können.
Ein Liebespärchen watet eng umschlungen im seichten Wasser und die Silhouette der beiden Menschen, die einen Umriß ergibt, zeichnet sich dunkel, schemenhaft vor der untergehenden Sonne märchenhaft schön ab, wie
ein beweglicher Scherenschnitt, umrahmt von einem rotgoldenen Licht.
Ein Drache schraubt sich hoch in die Luft, um gleich darauf im Sturzflug
herabzusausen und knapp über dem Boden dahinzugleiten. Wieder geht es hoch
in die Luft und dasselbe Spiel wiederholt sich unzählige Male, auf alle Fälle so
lange, wie der Besitzer des Drachens, ein kleiner Junge, Lust verspürt, ihn
fliegen zu lassen. Im Licht der Abendsonne leuchtet das Gebilde aus buntem,
dünnem Plastik und ich sehe dem frohen Spiel des riesengroßen Schmetterlings
gerne zu.
Es wird nach und nach dunkler und die Sonne steht wie ein roter Feuerball am
Horizont und tut bald das, was in unzähligen Lieder und Gedichten tausendmal
beschrieben wurde, sie sinkt ins Meer, das Meer löscht die Sonne aus. So
empfindet man dieses Geschehen, denn ganz langsam, für das Auge aber nachvollziehbar,
verschwindet sie im großen Wasser und der funkelnde, golden
glänzende breite Streifen überzieht noch einmal Strand und Meer, wird weniger
und weniger und wie eine Schleppe zieht die Sonne diesen hinter sich her und
nimmt ihn schließlich mit. Die glitzernden Wellen verlieren den Glanz und die
Nacht umgibt Land und Meer.
Fern am Horizont blinkt in kleinen Abständen ein Licht auf, wie ein Stern. Es ist
das Licht vom Leuchtturm, der auf der nahegelegenen Insel steht.
Es ist ruhig und still und ich genieße es, allein zu sein. Allein mit mir selbst und
mit der Einsamkeit am leeren Strand.
Ruhe, Stille und Einsamkeit habe ich heute erlebt wie einen tiefen Brunnen, aus
dem man für die Seele viel Wohltuendes schöpfen kann. Man muß lernen
einsam, still und ruhig zu sein. Es ist nicht leicht, aber wenn man diesen Zustand
zu ertragen gelernt hat, mit ihm umgehen kann, dann ist man unendlich reich,
reich an der Erfahrung, dass man für ganz wenig ganz viel erhalten kann,
nämlich Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Kraft für vieles, das dann
irgendwann kommen mag.
Ich spüre Dankbarkeit für diesen ganz besonderen Tag.

Elli11946