Den folgenden Aufsatz habe ich bereits in 2009 bei Fifties veröffentlicht. Nachdem es aber keinerlei Meinungsäußerung dazu gab möchte ich ihn Euch hier in dieser Gemeinschaft noch einmal vorlegen, in der Hoffnung, daß Ihr eine Meinung dazu habt.
Es handelt sich dabei nicht um “Fishing for compliments” sondern um einen Rückblick auf wichtige Ereignisse in meinem nun 70-jährigen Leben, wo ich mich frage, ob ich richtig oder falsch entschieden habe, was ich hätte anders machen können, sollen,müssen. Eure Gedanken dazu sind mir dabei sehr wichtig.
Vergangenheitsbewältigung
Geschrieben von: birguli
Vor mehr als 50 Jahren, ich war ein Bub von vielleicht 10 Jahren,
sang ich nicht nur im Schulchor, sondern auch in einem weit über die Grenzen meiner Geburtsstadt Wuppertal bekannten Knaben- und Männerchor, der Wuppertaler Kurrende. Ich ging mit großer Begeisterung in die Proben und erst recht in die Konzerte, in denen wir vom Volkslied über Choräle bis zu den großen Oratorien und Messen alles sangen und alles sehr gut sangen, Der Chorleiter der Kurrende war auch gleichzeitig mein Musiklehrer in der Schule, wo ich ein schlechter Schüler war. Doch aufgrund meiner musikalischen Begabung und meiner glockenhellen Sopran-stimme rettete mich die Fürsprache meines Musiklehrers so manches Mal vor dem Sitzenbleiben. Soweit die Vorgeschichte.
Ende vergangenen Jahres erhielt ich von eben dieser Wuppertaler Kurrende eine Einladung zum Treffen der ehemaligen Chorsänger. Vor 52 Jahren (!) hatte ich den Chor wegen Stimmbruch verlassen müssen. Würde es überhaupt noch Sänger meines Jahrgangs geben? Nach einigem Zögern entschloß ich mich, hinzufahren.
Da ich erst am Samstag früh anreisen konnte, kam ich dort an, als die gemeinsame Probe von Ehemaligen und dem aktuellen Männerchor bereits zu Ende war. Ich hätte sowieso nicht mitsingen können, seit Sir James Parkinson mein ständiger Begleiter ist, ist meine Stimme schon lange nicht mehrfür Chorgesang geeignet. Es gab anschließend einen kleinen Imbiß, bestehend aus ewig langen Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat oder Brot, Kaffee oder auch Bier. Ich sprach dann noch ein paar Worte mit dem Organisator des Treffens, der wesentlich jünger war als ich. Bis jetzt hatte ich noch niemanden gefunden, der sich vielleicht an mich erinnerte.
Am Nachmittag war ein festlicher Gottesdienst in der reformierten Kirche eines Vorortes angesagt. Leider wirkte der Knabenchor nicht mit, ich hätte ihn gerne einmal gehört, doch das gemeinsame Konzert des Männerchores mit den Ehemaligen (denen, die noch singen konnten) entschädigte mich voll und ganz. Es gab Werke von Praetorius, Bruckner, Penderecki, Schubert u.a. Ich fühlte mich in diesen 90 Minuten ganz zurückversetzt in meine aktive Sängerzeit.
Aus der warmen Kirche hinaus in ein fürchterliches Schneetreiben, und weit und breit kein Taxi. Endlich, mit erheblicher Verspätung erreichte ich mein Hotel und konnte mich noch schnell für den gemeinsamen Abend mi Haus der Kurrende umziehen. Eine erwartungsvolle Spannung empfing mich, und auch ich war gespannt, ob ich wohl noch bekannte Leute treffen würde, die sich auch noch an mich erinnerten. Immerhin war das alles 52 Jahre her, und wir hatten uns ja nur als Kinder gekannt. Heute waren wir alte Knacker, aber es gab noch ganze 2 mir bekannte Sänger von damals, die mich auch noch gekannt hatten. Auf der Straße hätten wir uns nie erkannt, aber hier zu diesem Anlaß meldete sich die Erinnerung, und man begrüßte sich erfreut.
Jüngere Jahrgänge gab es genügend, doch ich mußte für mich erkennen, daß ich schon fast zu alt war für diese Runde.
Merkwürdigerweise war nur eine einzige Frau mitgekommen, alle anderen Männer waren ohne Partnerin erschienen.
Die größte Überraschung war allerdings für mich, daß gegen 21.30Uhr alle aufbrachen, einer nach dem anderen verabschiedete sich und verschwand. Was sollte ich jetzt mit dem angebrochenen Abend machen? Gücklicherweise hatte ich über die ganzen Jahrzehnte den Kontakt zu einem alten Pfadfinderfreund nie abreißen lassen. Ich rief ihn an, er fiel aus allen Wolken und sagte nur : ”Du kommst sofort hierher!” Der Abend war gerettet.
Am nächsten Morgen, es war Sonntag,hatte ich mir eine persönliche Vergangenheits-bewältigung vorgenommen, schließlich befand ich mich in meiner Geburtsstadt. Ich besuchte meine Schulen, die Volksschule am Tiergarten, und das Gymnasium, wo ich in Gedanken eine Kerze für meinen Musiklehrer anzündete, dessen Fürsprache in der Lehrerkonferenz mich so oft über die Versetzungshürde gerettet hatte.
Und ich suchte unsere alte Wohnung auf, die uns die Stadt 1949 zugewiesen hatte: die erste gemeinsame Wohnung nach dem Krieg, wo wir nach langer Trennung wieder zusammenleben konnten. Ein elendes Loch in einer übelbeleumdeten Straße. Zwei nackte Zimmer im zweiten Stock eines Altbaus. Man kam vom Treppenhaus direkt in die Wohnküche, wo sich das Familienleben abspielte. Der zweite Raum war das Schlafzimmer, in dem wir alle zusammen schliefen: meine Eltern, meine Schwester und ich.
Sechs Jahre wohnten wir hier unter schlimmen hygienischen Verhältnissen, und doch waren diese sechs Jahre der schönste und wichtigste Abschnitt meiner Jugend. Ich war ein zehnjähriger Lausbub, der ,entgegen dem strikten Verbot des Vaters, mit den Kindern aus der Nachbarschaft und der ganzen Straße spielte und Freundschaft schloß. Wir spielten in der Gosse und strolchten in den naheliegenden Wäldern umher, waren Cowboys und Indianer und sausten im Winter mit ganzen Schlittenzügen die vereisten Waldwege hinunter. Ich möchte nicht einen Tag dieser Zeit missen.
Und heute stand ich an einem Sonntagmorgen vor dem Haus und stellte fest, daß es noch das gleiche elende Loch war wie vor 52 Jahren, auch in der Strasse hatte sich nicht viel verändert: ein para Baulücken, damals Trümmergrundstücke (herrlich zum Spielen) waren geschlossen worden, es parkten mehr Autos, aber sonst sah alles noch gleich aus. Selbst die Kneipe an der Ecke gab es noch.
An diesem Sonntagmorgen habe ich mit meiner Jugendzeit abgeschlossen, dieser Besuch war notwendig und wichtig. Nachdem ich noch einige andere Plätze besucht hatte, die für mich als jungen Familienvater eine Rolle gespielt hatten, setzte ich mich zufrieden in den Zug nach Hause. Hier war jetzt meine neue Heimat.



