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Nach Malta der Sprache wegen

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Zunächst einmal solltet ihr euch nicht wundern, daß meine Reisen schon so lange her sind. Mein adeliger englischer Wachhund läßt mich keine großen Reisen mehr machen. Also nehme ich mir eins meiner Reisetagebücher und zehre von der Erinnerung. Dabei lasse ich euch gerne über meine Schulter schauen und mitlesen, wenn ihr wollt.
Nach Malta flog ich Ende 1993, um einerseits dem deutschen Winter zu entkommen und andererseit um meine Englischkenntnisse aufzufrischen. Ich buchte drei Wochen Schulbank drücken, und ich muß sagen, es war nicht schlecht.

Reisetagebuch Malta
21.November bis 17. Dezember 1993

Sonntag, 21.11.1993
Kurz vor 7.00 Uhr klingeln Jeannette und Leo, die mich nach München zum Flughafen bringen werden. Es hat leicht geschneit, und es ist bitter kalt. Die Fahrt nach München über die nur mäßig befahrene Autobahn verläuft entsprechend schweigsam. Leo fährt und ist voll konzentriert, Jeannette und ich sind noch müde.
Gegen 8.45 Uhr erreichen wir den Flughafen, das Einchecken geht schnell, und es bleibt noch Zeit für einen gemeinsamen Kaffee.
Um 9.45 Uhr verabschiede ich mich von den Beiden und gehe durch die Kontrolle. Ein letztes Winken, dann bin ich allein auf dem Weg zum Flieger. Eine Boeing 737-200 der ältesten Baureihe, eine elende alte Rumpel, eng bestuhlt wie eine Chartermaschine, die mir keine Beinfreiheit läßt. Sollte mein Vordermann seine Sitzlehne zurückstellen, würde er mir wahrscheinlich die Beine brechen. Glücklicherweise tut er es nicht.
Pünktlich um 10.25 Uhr legt der Flieger von der Gangway ab und macht beim Start einen solchen Lärm, daß man in der Kabine sein eigenes Wort nicht versteht. Nachdem wir die Wolkendecke durchstoßen haben, ist die Maschine von strahlendem Sonnen-schein überflutet.
Wir überfliegen die Alpen, immer wieder ein faszinierendes Bild. Es schauen nur die schneebedeckten Gipfel durch die Wolkendecke, wunderschön im Sonnenlicht anzuschauen. Danach wird der Flug eintönig. Das Essen an Bord ist ungenießbar: das Fleisch schmeckt fade, die Croquetten wie Gummi. Einzig der Reissalat schmeckt sehr lecker. Tomatensaft und besonders der Kaffee sind undiskutabel. Der Service der Air Malta läßt sehr zu wünschen übrig.
Nach dem Essen führe ich mir Birgittes Abschiedsgeschenk, einen kleinen Gedichtband: “Ein liebend Herz”, zu Gemüte. Aussprüche über die Liebe von bekannten und unbekannten Menschen aus Literatur, Kunst und Politik. Sehr schön, dazu Rezepte für kleine Liebesmahlzeiten. Ich delektiere mich lange daran, doch reicht die Lektüre nicht für die ganze Flugzeit. Also schlafe ich ein wenig, was mir trotz des Fluglärms nicht schwerfällt.
Gegen 12.30 Uhr erreichen wir Malta und überfliegen erst die Inselgruppe, bevor die Maschine zur Landung ansetzt. Von oben sehe ich eine ziemlich baumlose Landschaft, dann Valetta, eine große Ansammlung von überwiegend alten Häusern im sonnen-warmen Gelbton, das dunkel -grün-blaue Meer, in dem es von großen und kleinen Schiffen nur so wimmelt, sehr hübsch anzuschauen.
Nach der Landung recht zügige Abfertigung beim Checkout. Eine Vertreterin der Sprachschule empfängt uns und weist uns einem Busfahrer zu, der jedem von uns ein Kuvert in die Hand drückt, nur mir nicht. Er bittet uns zu warten, da noch nicht alle Passagiere da sind. Wir warten und warten, bis es mir zu lange dauert und ich ihn direkt frage, auf wen r denn noch wartet. Er sagt ein Reisender fehle noch. Dabei kann ich einen Blick auf das letzte Kuvert in seiner Hand werfen: es steht mein Name darauf. Niemand hat mich nach meinem Namen gefragt, da hätten sie noch lange auf mich warten können.
Nachdem dieses Mißverständnis geklärt ist, fahren wir in einem klapperigen Kleinbus in die Stadt. Der ungewohnte Linksverkehr verursacht mir einige Schrecken.
Ich wohne im Hotel “Caprice” in Sliema, ein ganz passables Zweisternehotel in einer ruhigen Gasse. Das Zimmer ist schlicht, aber geräumig mit einem großen Doppelbett, hat einen kleinen Balkon mit Blick in den Hof, das Bad ist spartanisch, aber zweck-mäßig. Man kann zufrieden sein.
Ich richte mich ein und starte dann zu einem Erkundungsgang in die Stadt. Von der Schule habe ich in diesem ominösen Kuvert unter anderem einen Lageplan der Schule bekommen, auf dem die Straßennamen in Englisch stehen. Auf meinem Stadtplan stehen sie in Maltesisch. So habe ich also erst einmal diese zu vergleichen und den Weg vom Hotel zur Schule festzulegen. Natürlich laufe ich in die verkehrte Richtung, und bis ich es bemerke, bin ich bei dem immer wieder einsetzenden leichten Regen schon ganz schön naß geworden. Ein weiteres Problem: an vielen Ecken fehlen die Straßenschilder, sodaß ich immer wieder auf gut Glück in eine Straße hineinlaufe, die sich dann als falsch erweist. Aber nach einigen Fehlversuchen habe ich die Schule gefunden, laufe den ganzen Weg zur Sicherheit noch einmal und stelle fest, daß er in 15 Minuten leicht zu schaffen ist.
Nun lasse ich mir Zeit zum Bummeln. Zwar ist heute Sonntag und die Geschäfte zu, doch das Flair einer fremden Stadt hat trotz des schlechten Wetters immer wieder eine angenehm stimulierende Wirkung auf mich. Langsam wird es dunkel. In einem Lokal an der Sea-Front, die lange Promenade heißt “The Strand” lasse ich mich nieder, trinke einen Kaffee und beobachte die Leute.
Das Abendessen im Hotel ist enttäuschend. Drei Menüs zur Auswahl: Kotelett mit Karotten und Stopfer (Kartoffelbrei), Makkaroni mit Schinken und Tomatensoße, oder Omelett. Ich nehme die Makkaroni und drücke sie in mich hinein. Nach einem Drink an der Hotelbar ziehe ich mich zurück, lasse mir ein heißes Bad ein, in dem ich mich richtig durchwärme und liege um 20.30 Uhr bereits im Bett.
Montag, 22.11.1993

So gut geschlafen, daß ich den Wecker (7.00 Uhr) nicht gehört habe. Doch um 7.05 Uhr bin ich von selbst aufgewacht.
Das Frühstücksbuffet ist "continental", Brötchen, Weißbrot, Butter, Wurst, Käsescheibletten, Cornflakes, Müsli und ein winziges Glas Orangen- oder Grapefruitsaft. Der Kaffee regt niemanden auf, aber er ist wenigstens heiß.
Als ich in den Frühstücksraum komme, sitzt eine Frau in meinem Alter allein an einem Tisch. Ich frage, ob ich mich zu ihr setzen darf, sie hat nichts dagegen. Gleich entsteht ein angenehmes Gespräch. Sie hat auch einen Namen, den ich aber gleich wieder vergessen habe, und sie kommt aus Bad Wildungen. Auch sie will Englisch lernen im I.E.L.S., im Institute of English Language Studies. Recht bald kommt eine junge Frau dazu, die auch im gleichen Institut wie wir
gebucht hat. Ihren Familiennamen habe ich vergessen, aber sie heißt Ulrike, wie meine Tochter, und kommt aus Sonthofen. Dieser Vorname prägt sich mir natürlich ein. Später kommt noch ein weiterer Teilnehmer in meinem Alter dazu, dessen Namen ich überhaupt nicht zur Kenntnis genommen habe, obwohl er ihn sicher gesagt hat. Alle drei kennen den Weg zur Schule noch nicht , den ich gestern schon erkundet habe.
Also schwinge ich mich zum Führer auf, und wir marschieren bei strahlendem Sonnenschein zum "Institute of English Language Studies".
Das Organisatorische (Anmeldung, Zuordnung in die Klassen, Lehrbuchaus- gabe) erfordert eine gute halbe Stunde. Im Bookshop nebenan gibt man mir zunächst ein falsches Lehrbuch, was ich aber nicht bemerke. Ich marschiere in den mir zugewiesenen Raum 105, dort sitzen bereits fünf Leute, einer von ihnen weist mich darauf hin, daß ich ein anderes Lehrbuch habe als sie. Also gehe ich zurück in den Bookshop und tausche es um. Wieder zurück in der Klasse, entscheidet die bereits anwesnde Lehrerin, daß sechs Leute zu viel sind, verschwindet und komplimentiert nach ihrer Rückkehr mich und noch einen weiteren Teilnehmer (Karl aus Frankfurt, er wohnt auch in meinem Hotel) in Raum 216. Natürlich lande ich wieder im falschen Raum, weil ich 206 verstanden habe. Karl holt mich da raus, und endlich sind wir im richtigen Klassenraum, aber noch lange nicht komplett.
Nachdem endlich alle eingetroffen sind, ergibt sich folgende Konstellation: Karl, 55, leitender Angestellter bei der Lufthansa , aus Frankfurt. Norbert, Ende 40, Ingenieur aus Kiel, Klaus, 22, Zivi aus dem Schwarzwald und ich. Vorne am Tisch sitzt Kitty, unsere Grammatiklehrerin, um die 50, geboren in Wuppertal, auf Barbados aufgewachsen und seit 20 Jahren in Malta lebend, da mit einem Malteser verheiratet, kein Wort Deutsch, aber gut drauf.
Sie legt auch gleich richtig los, nachdem wir uns alle vorgestellt haben, und macht Grammatik mit uns, daß wir, zumindest ich, höllisch aufpassen müssen, um alles mitzukriegen. Fragen und Antworten anhand des Lehrbuches, Interviews untereinander, so geht es Schlag auf Schlag, daß die 90 Minuten im Handumdrehen vorbei sind. Nachdem sie bei dem Wort Hausaufgaben unsere sauren Gesichter sieht, verzichtet sie darauf und entläßt uns in die Pause (30 Minuten)
Um 11 Uhr geht es weiter mit Konversation. Gilian, unsere Lehrerin, ist eine reife Frau in den Vierzigern, etwas füllig, sehr attraktiv, sehr schlagfertig in ihrem typisch englischen abgeklärten Humor. Sie beginnt die Konversation sehr geschickt, indem sie jeden von uns sich vorstellen läßt, Zwischenfragen stellt, warum wir Englisch lernen wollen, und so die Diskussuion anheizt, ohne daß wir es so recht bemerken, aber voll einsteigen. Bei ihr habe ich meine Schwierig-keiten, alles zu verstehen, denn sie spricht teilweise sehr schnell und verwen- det oft typisch englische bildhafte Redewendungen, die man nicht sofort interpretieren kann, z. B. "I was so tired, that I went out like a candle", will heißen: "Ich schlief sofort ein, kaum daß ich den Kopf aufs Kissen gelegt hatte."
Auch jetzt vergeht die Zeit wieder so schnell, daß wir es gar nicht merken.Um halb eins verläßt sie uns mit den worten: "Good bye, have a nice day!", und als wir nur "Thank you" antworten, faucht sie uns in komischem Zorn an:" Is that all? Gentlemen answer: You too!" und rauscht hinaus. Wieder was gelernt.
Um 13.00 Uhr beginnt die letzte Unterrichtseinheit an diesem Tag, eine weitere Konverstionsrunde. Marbek, unsere dritte Lehrerin, isz eine liebenswürdige alte Lady, sehr lebhaft, steigt sofort ein mit einem Thema über unsere Charakter-eigenschaften, z. B. , was wir in bestimmten vorgegebenen Situationen für Empfindungen haben., wie wir reagieren usw. So vergeht auch diese Zeit sehr schnell, und um 14.30 sind wir für heute fertig.
In einer kleinen Gruppe trinken wir an der Sea-front einen Kaffee und nehmen einen kleinen Imbiß. Danach marschiere ich ins Hotel zurück, schwätze ein wenifg mit Ulrike, die schon da ist und gehe dann wieder in die Stadt, bummele ein wenig herum, verlaufe mich ein paarmal,finde aber meinen Weg wieder, trinke in einer Bar ein Bier und komme gegen 19.00 Uhr ins Hotel zurück.
Heute gibt es Fisch, sehr lecker, sehr reichlich. Ich bedauere bei gutem Essen immer, daß ich nicht so schnell essen kann, wie es kalt wird.
Nach dem Essen hocken wir in einer großen Runde (Ulrike, Karl, noch drei andere, die ich nicht kenne und ich) an der Hotelbar, trinken, schwätzen, rauchen. Leider sprechen wir alle Deutsch, der Barkeeper steht dabei und versteht uns nicht. Das muß noch anders werden.
Um 22.00 Uhr ziehe ich mich zurück, schreibe noch ein wenig Tagebuch und schlafe um halb zwölf schon.

Dienstag, 23.11.1993
Frühstück und Marsch zur Schule wie gehabt. Heute haben wir noch eine weitere Mitschülerin in der Klase., Christiane aus Nordrhein-Westfalen, jung, hübsch, intelligent. Sie arbeitet gut mit uns zusammen, und wir kommen vorwärts. Kitty verstehe ich heute schon besser, bei Gillian habe ich immer noch meine Schwierigkeiten. In den Pausen trinken wir in einer kleinen Snackbar einen Kaffee und essen eine Kleinigkeit. Im übrigen läuft der Unterricht ab wie gestern.
Am Nachmittag bringe ich endlich mein Goldarmband zur Reparatur. Dann bummele ich wieder durch die Stadt. Zu größeren Excursionen kann ich mich noch nicht entschließen, ich bin noch nicht völlig aklimatisiert. Auch werden meine Halsschmerzen nicht besser. Solange die Sonne noch scheint, sitze ich mit Ulrike auf der Dachterrasse des Hotels und arbeite das Gelernte noch einmal durch. So vergeht dieser Tag wie der gestrige mit Abendessen, Smalltalk an der Bar und Schlafen gegen elf.

Mittwoch,24.11.1993
Trübes Wetter und leichter Regen. Aber es ist warm, sodaß man den Regen ertragen kann. Ich habe sehr schlecht geschlafen, meine Halsschmerzen sind abends und nachts immer besonders schlimm. Mitten in der Nacht bin ich aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen. So setzte ich mir die Kopfhörer auf und übte mich in Autogenem Training. Das verhalf mir zu einem leichten Dahindämmern, bis es Zeit wurde, aufzustehen.
Frühstück wie gehabt. Der Unterricht war heute besonders interessant: Kitty nahm uns in Grammatik richtig ran, und Gillian, dieses Vollblutweib, wuchs über sich selbst hinaus, indem sie uns in eine Diskussion über Abtreibung, Euthanasie, christliche und ethische Glöaubensgrundsätze verwickelte, bei der wir alle hart zur Sache gingen. Doch unmerklich führte sie uns aus diesen ernsten Themen wieder heraus, und plötzlich fanden wir uns in einer fröhlich lachenden Runde wieder, sodaß trotz der harten Debatte keine Verletzten auf der Strecke blieben.
Nach der Mittagspause wollte Marbek (eine willkürliche Kombination aus Mary und Rebekka, wie ich heute erfuhr) eigentlich viel mehr mit uns machen, aber wir blieben beim Thema Geld, Banken, Geschäfte und Transaktionen hängen, bis die Zeit um war. Einstimmiges Urteil: Heute hat es richtig Spaß gemacht.
Nach der Schule wollten Ulrike und ich eigentlich nach Valetta fahren, aber der Seegang war heute so hoch, daß die Fähre nicht anlegen konnte, Also suchten wir uns ein Lokal, aßen eine Kleinigkeit und schwätzten miteinander. Danach versuchten wir, unser Hotel auf einem anderen Weg zu erreichen, doch kamen wir wieder einmal ganz woanders heraus, als wir vermuteten. Ich fand aber auf diesem Irrweg einen Juwelierladen, der eine schöne kleine Eule aus Silber in der Auslage hatte.
Gesehen- gekauft. Ulrike kaufte sich in einem winzigen Laden eine Jeans, deren goldgelbe Farbe es ihr spontan angetan hatte, und dann marschierten wir bei immer noch leichtem Regen die Sea-Front entlang, bis wir wider zu unserem Hotel kamen.
Das Abendessen war leider ungenießbar, ich ließ es stehen, bummelte noch ein wenig durch das abendliche Sliema und zog mich bald zurück. Der Klimawechsel macht mich in den ersten Tagen immer recht müde.

Donnerstag, 25.11.1993
Gut geschlafen, man sollte doch abends mehr Wein trinken. Im Institut haben wir heute mit Gillian Reisebüro gespielt. Karl und Norbert waren die Travel-agents. Klaus, Christina und ich spielten eine Familie auf der Suche nach einem Reiseziel. Nachdem alle Familienmitglieder unterschiedliche Vorstellungen von ihrem Urlaubsziel hatten, artete die Beratung, immer wieder von Gillian ange- stachelt, sehr bald in einen handfesten Familienkrach aus, der darin gipfelte, daß alle drei schließlich getrennt in Urlaub fahren wollten. Karl und Norbert als Travelagents saßen fassungslos vor der streitenden Familie und waren nicht in der Lage,uns auf ein gemeinsames Reiseziel zu einigen. Schon lange nicht mehr habe ich mit soviel Spaß auf Englisch gestritten.
Nach dem Unterricht unternehmen Ulrike und ich einem weiteren Versuch, per Fähre nach Valetta zu kommen. Wieder Fehlanzeige. Das Boot hat gerade seine Fahrgäste ausgeladen und fährt leer in die Hafenmitte, wo es vertäut wird. Quer über die Abfahrttafel ist schon wieder das Schild "Cancelled" geschraubt. Wir beschließen, die Fahrt nach Valetta auf den Samstag zu verschieben, dann haben wir auch mehr Zeit.
Ulrike hat nach der Schule immer Hunger, und so setzen wir uns in ein Lokal. Während sie eine Riesenportion Käsesalat vertilgt, schreibe ich wieder ein paar Karten. Danach wandern wir an der Strandpromenade entlang und bewundern den hohen Wellengang, der sich in haushohen Gischtwolken am felsigen Ufer bricht. Ein faszinierendes Schauspiel!
Im Hotel angekommen, schreibe ich den Rest meiner Karten. Dinner habe ich heute nicht geordert nach der.Pleite von gestern. Deshalb nehme ich meine Karten und bringe sie noch zum Briefkasten.
Beim abendlichen Bummel passiert mir ein böses Malheur: Ohne daß ich es merke fällt mir meine Tablettendose aus der Tasche und springt beim Aufprall auf. Alle Tabletten fallen auf die bereits dunkle Straße. Keine Chance, sie wiederzufinden. Jetzt habe ich noch gut zwei Wochen vor mir und keine Tabletten mehr gegen meinen Bluthochdruck. Hoffentlich geht das gut.
Zum Trost leiste ich mir ein leckeres Abendessen im "Grenadier Grill", wandere dann langsam zum Hotel zurück und verbringe den Abend mit den anderen Mitschülern an der Bar.
Freitag, 26.11.93
Grammarlesson mit Kitty wie immer. Gillian holt uns in den Videoraum und läßt uns den Film "A fish called Wanda" anschauen Von den Dialogen verstehe ich so gut wie nichts, der Handlung kann ich einigermaßen folgen. Für Montag will Gillian von jedem von uns ein 10-Minuten-Statement über den Film haben. Wie ich das zustande bringe, weiß ich noch nicht. Ich bin ziemlich frustriert über diesen Mißerfolg.
In der Pause erfahren wir, daß Marbek krank ist und eine andere Lehrerin sie vertreten wird. Wir haben aber alle keine große Lust mehr an diesem Freitagmittag und überzeugen Joan, die Vertreterin, uns lieber freizugeben. Schließlich bezahlen wir ja den Unterricht.
Im Hotel relaxe ich ein wenig und fahre dann mit dem Bus nach Valletta. Es ist sonnig und warm, der antiquierte Bus quält sich durch den dichten Verkehr um die Marsamxett-Bay herum und hält schließlich am Bus-Terminal von Valletta. Hier stehen in einem Riesenrondell um den gewaltigen Tritonenbrunnen hunder- te von Bussen, alte undi neue, kleine und große, und alle grün-weiß.
Ich wandere durch des große Tor hinein in die Hauptstadt Valletta. Die Stras- sen sind schachbrettartig angelegt. Mittendurch zieht sich die Republic-Street, flankiert von einigen Parallelstraßen zu beiden Seiten. Diese queren dann im rechten Winkel alle anderen Straßen, die meisten schmale dunkle Gassen, in die nur wenig Sonmenlicht fällt. Die Stadt liegt auf einem Kliff, hoch über dam Meer, und es führen viele Treppen hinunter und wieder hinauf. Auch die Stras- sen selbst verlaufen oft steil bergab und bergauf.
Ich bummle church die Stadt bis zum St. Elmo Fort, sehe plötzlich Sliema zum Greifen nahe auf der anderen Seite der Bucht liegen, laufe am Wasser entlang um die halbe Stadt bis ich wieder an Bus-Terminal bin. Valetta gefällt mir nicht: Alles so eng und dunkel, und überall, wo eine Gasse breit genug für ein Auto ist, fahren auch welche hindurch. Auf den Gehwegen parken sie oft so dicht an der Hauswand, daß man auf die Straße ausweichen muß, um dort gleich wieder von der Hupe eines anderen verscheucht zu werden.
Ich flüchte mich in den Laden eines Silberschmieds und sehe ihm ein wenig bei der Arbeit zu. Mit geschickten Händen und feinen Werkzeugen formt er hauch-dünnen Silberdraht zu den zartesten Gebilden, wie Schmetterlinge, Sterne, Fische, sogar die typischen Fischerboote der Malteser und, nicht zu vergessen, Malteserkreuze in allen Größen und in feinster Filigranarbeit.
Eine ganze Weile schaue ich zu, bis ich langsam Hunger verspüre und in einer Pizzeria auf der Republic Street eine Pause einlege. Das Lokal ist fast ein Spiegel-Labyrinth, alle Wände sind mit Spiegeln verkleidet, die den Raum bis ins Unendliche erweitern.
Die Pizza ist gut, der Kaffee auch, und nach einer Stunde verlasse ich gestärkt das Lokal und mache mich auf den Heimweg. Die Busse fahren offenbar nicht nach einem festen Fahrplan, sondern alle Busse einer Linie stehen in einer Reihe hintereinander. Sobald der erste voll ist, fährt er ab, und der nächste rückt auf usw. Nach 20 Minuten bin ich wieder zu Hause. Das Essen im Hotel macht mich auch heute nicht besonders an: Cannelloni mit einer Spinat-Hackfleisch-Füllung, zuvor eine recht ordentliche Kartoffelsuppe und zum Nachtisch das obligatorische Eiskrem.
Nach dem Essen klöne ich noch ein wenig mit den anderen an der Bar, gehe gegen 9 Uhr noch einmal in die Stadt, um Eule und Willi anzurufen. Nach Heimgehen ist mir noch nicht, und so setze ich mich in die Waves-Bar an den Tresen und beobachte bei einem Bier die Leute. Der Laden summt wie ein Bienenstock. Tresen und Tische sind voll besetzt, und hinter der Theke arbeiten drei Mann, um alle Wünsche zu erfüllen. Damit sie den Überblick nicht verlieren, kassieren sie jedes Getränk sofort. Hier verkehren überwiegend Einheimische aus allen Schichten und ein paar meist englische Touristen. Es wird Billard und Dart gespielt, sowie an den Spielautomaten das Glück versucht. Es herrscht ein unglaublicher Lärm, aber es ist hochinteressant.
Als ich nach dem zweiten Bier heimgehen will, regret es in Strömen. Ich mache auf dem Absatz kehrt zurück ins Lokal und trinke noch ein Bier. Dabei komme ich mit einem älteren Paar aus England ins Gespräch, und wir unterhalten uns recht angeregt über Gott und die Welt.
Die Regenschauer auf Malta dauern nie recht lange, und ich kann nach dem dritten Bier trockenen Fußes heimgehen, bleibe jedoch wieder an der Hotelbar hängen, wo es dann recht spät wird. Samstag ist ja keine Schule, und so komme ich erst nach Mitternacht ins Bett.
Samstag, 27.11.93
Endlich mal länger geschlafen, doch um 9.30 Uhr ist das Frühstück vorbei, also muß ich spätestens um 9.00 Uhr unten sein.
Ulrike läßt sich noch nicht blicken. Im Frühstücksraum sitzen Renate und ihre Schwester, sie reisen heute ab und machen etwas traurige Gesichter. Sie wollen noch eine Runde gehen, bevor um 12.00 Uhr der Bus sie abholt. Eigentlich wollten Ulrike und ich heute nach Valletta fahren, aber sie scheint noch fest zu schlafen. Also gehe ich an die Sea-front. Es ist strahlender Sonnenschein, richtig warm, aber sehr starker Seegang. Ein faszinierendes Schauspiel, wie 3-4m hohe Wellen angerollt kommen, sich mit unglaublicher Wucht an der Felsküste brechen, sodaß der Gischt haushoch aufspritzt und sich teilweise über die Strandpromenade ergießt. Eire Menge Leute sind unterwegs und beobachten dieses Spektakel, das ein bißchen wie Feuerwerk ist, weil man nie genau weiß. wo und wie stark die nächste Wasserexplosion stattfindet. An der Strandpromenade steht ein Händler mit seinem Verkaufs-wagen, der handgearbeitete Strickwaren anbietet, Jacken, Westen, Pullover, alles wunderschöne, meist weiße Strickereien. Die Stücke aber, die er vor und hinter und rings um seinen Wagen aufgehängt hat, sind alle schon patschnaß und triefen formlich vom Seewasser. Und trotzdem hängt er sie nicht weg. Unbegreiflich.
Auf der Strandpromenade treffe ich auch Renate und ihre Schwester wieder (deren Name fällt mir einfach nicht mehr ein). Sie wollten einen Kaffee trinken, waren aber von der Brandung so fasziniert, daß sie auf einer Bank sitzenblieben. Nachdem wir eine Weile gemeinsam das Naturschauspiel genos- sen haben, gehen wir dann doch in ein Kaffee und schwätzen miteinander, bis es für die Beiden Zeit wird, ins Hotel zurückzukehren. Dort treffen wir auch Ulrike, die inzwischen aufgewacht ist, es ist halb zwölf. Sie hat bis in die frühen Morgenstunden gelesen, weil es so spannend war, daß sie nicht aufhören konnte.
Nachdem sich die beiden Münchnerinnen verabschiedet haben, fahren wir dann doch noch nach Valletta. Doch recht viel anders als gestern ist es auch heute nicht. Ab und zu regnet es kurz, dann scheint wieder die,Sonne. Wir umrrun- den heute die ganze Stadt, genießen auch hier den Anblick der Brandung, die sich an den äußeren.Hafenmauern bricht, und finden die rechte Seite von Valletta am Grand Harbour schöner als die linke am Marsamxett-Harbour. Nachdem hierüber Einigkeit besteht, suchen wir uns einen Bus zurück nach Sliema, trinken in der Waves-Bar noch etwas und laufen dann zurück ins Hotel.
Ulrike geht zum Essen, ich habe heute Bock auf ein opulentes Diner, mache mich fein und speise sehr kultiviert im "Maroya", einem italienischen Restaurant an der Sea- Front. Ich bekomme einen Tisch am Fenster im Obergeschoß, von wo ich bei Speis und Trank, das unten tobende Meer beobachten kann. Das Abendessen war nicht ganz billig, aber jeden Cent wart!
Überflussig, zu erwähnen, daß ich nach meiner Rückkehr wieder an der Bar hängenbleibe, diesmal aber noch vor Mitternacht ins Bett komme.
Sonntag, 28.11..93
Heute steht ein Ausflug rund um Malta auf dem Program, der vom Institut angeboten wird. Treffpunkt ist um 9.30 Uhr am Alhambra-Kino in Sliema. Wir sind 18 Leute, die schließlich im Bus sitzen. Ich kenne nur Norbert aus meiner Klasse, der mir als kleiner Klugscheißer schon seit einiger Zeit auf die Nerven geht. Dann eine etwas ältere kleine Frau, die sogar in meinem Hotel wohnt, deren Namen ich aber trotzdem nicht behalten habe, weil sie mir zu hektisch ist. Sie steht ständig unter Strom, als könnte sie etwas versäumen. Alle anderen kenne ich entweder garnicht oder nur flüchtig aus dem Institut. Dazu kommt Brigid, unsere Führerin und John, der Busfahrer. Neben mir im Bus sitzt Jutta aus Aachen, Anfang bis Mitte 40, kluge Augen, recht sympatisch. Wir finden gleich Kontakt zueinander und unterhalten uns recht gut.
Die Fahrt geht zunächst nach Mosta, relativ große Stadt, ca. 12500 Einwoh- ner. Wir besuchen die Kathedrale Sta. Marija Assunta, die in Europa die viertgrößte Kuppel besitzt. Interessant ist aber, daß diese "Rotunda" im vorigen Jahrhundert größtenteils in Eigenarbeit der einheimischen Gläubigen in Trockenbauweise errichtet wurde, fast ohne Verwendung von Zement. Die Steine tragen sich durch ihr Gewicht selbst, und es wurde durch diese Tech- nik, die ohne Stützpfeiler auskommt, eine beachtliche Stabilität erreicht. Während eines Bombenangriffs im 2. Weltkrieg durchschlug eine 250kg-Bombe die Kuppel und fiel in die Halle, wo 300 Gläubige zur Messe versammelt waren, explodierte aber nicht.
Die Bombe, mittlerweile entschärft, wird seitdem als das "Wunder von Mosta" in der Sakristei aufbewahrt.
Die nächste Station ist Mdina, die "stille Stadt". Die einstige Hauptstadt Maltas ist vollständig hinter hohen Mauern verborgen, es führt nur ein Tor hinein. Auch dürfen keine Autos hineinfahren, außer denen der Einwohner. In dieser Stadt meint man, die Zeit sei stehengeblieben. Weiter geht die Fahrt über Rabat nach Hagar Quim, einer alten vorchristlichen Tempelanlage. Für mich ein unübersichtlicher Steinhaufen, etwa vergleichbar mit Stonhenge in England. Danach kommen wir zum "Blue Grotto", einer engen Meeresbucht, die für ihr tiefblaues Wasser bekannt ist, allerdings nur bei Sonnenschein. Heute scheint die Sonne nicht, und auch die Boote fahren nicht in den Grotto. Also bleibt nur eine Kaffeepause , und dann geht es weiter über "Buskett Gardens" zu den Cliffs, den höchsten Felsen Maltas, von wo man einen schönen Blick über die Insel und das Mittelmeer hat.
Nachste Station ist Marsaxiock, ein Fischerdorf an der Südostküste Maltas. Hier haben wir eine Mittagspause, es gibt einen Sonntagsmarkt, wo man alles kaufen kann, vom frischen Fisch über Obst und Gemüse, Haushaltsgeräte, Textilien bis hin zum Trödel. Ich bummle mit Jutta (aus Aachen) über den Markt, mache ein paar Fotos, vor allem vom Hafen mit den buntbemalten Booten, kaufe beim Trödler den abgelösten Griff eines Türklopfers aus Messing, in dessen Mitte eine Eule sitzt. Nach einigem Handeln erziele ich einen annehmbaren Preis und trage stolz meine Errungenechaft von dannen. Wir suchen uns ein Restaurant und essen herrlich frischen gegrillten Schwertfisch, sehr lecker, und trinken zusammen eine ganze Flasche Wein dazu. Sie liebt gutes Essen und Trinken offenbar genauso wie ich, und wir unterhalten uns glänzend.
Danach besuchen wir noch den Tarxien-Tempel, der mir aber genauso wenig sagt, wie der andere Steinhaufen.
Gegen 16.30 Uhr sind wir wieder in Sliema, trinken noch einen Kaffee zusammen, und dann geht wieder jeder in sein Hotel. Zum Abendessen treffe ich Karl und Ulrike wieder, die den Tag jeder auf seine Weise verbracht haben. Nach einem Schwatz und Drink an der Bar geht jeder bald auf sein Zimmer. Die Luft ist heute ziemlich raus.
Montag, 29.11.93
Im Frühstücksraum ein paar sehr zurückhaltende Neuankömmtinge, und nachdem ich ja auch ein Morgenmuffel bin, herrscht hier tiefe Stille. Auch Karl bringt früh den Mund nicht auf. In der Klasse hat es einen Wechsel gegeben: Christina hat in eine andere Gruppe gewechselt, dafür ist jetzt Helmuth aus Munchen, Kaufmann im Schmiermittelgeschäft, bei uns.
Kitty zieht ihre Grammatik durch und kündigt uns schon an, daß Marbek noch krank ist. Daß aber nach der Pause auch Gillian nicht kommt, überrascht uns. Stattdessen erscheint Sandro, ein junger Malteser, und übernimmt die Lektion. Wir lesen einen Times-Aufsatz über die in Malta weitverbreitete Spielleidenschaft, die offenbar ein ernstzunehmendes Problem darstellt. In der Diskussion neigen wir uberwiegend zu der Ansicht, daß dieses Problem wohl nicht nur in Malta ein solches ist, sondern in denverschiedensten Variationen bei alien zivilisierten Gesellschaften anrutreffen ist. Doch scheint es nicht weniger dramatisch als Alkoholismus und Drogenmißbrauch. Marbek wird am Nachmittag von Joan vertreten, einer schon älteren Irin. Die Konversation schleppt sich etwas mühsam hin, es fehlt einfach Marbeks liebenswürdige Lebhaftigkeit.
Nach der Schule eine groRe Kaffeerunde in einem der unzähligen Lokale an der Seafront. Danach renne ich zu verschiedenen Banken, um Geld zu tauschen. Die Öffnungszeiten sind völlig undurchsichtig. Bei der Bank of Valletta besagt ein Schild an der Türe, daß am Nachmittag für Geld-wechsel von 3-6 Uhr geöffnet ist, ein weiteres.Schild mit der Aufschrift "opened" baumelt hinter der Scheibe, aber die Tür ist verschlossen. Für uns gründliche Deutsche unbegreiflich.
In einer Wechselstube an der Promenade werde ich endlich meinen Scheck los und bin wieder flüssig. Nach einem Kaffee und einer widerlich süßen Pastete wandere ich die Seafront hinunter nach Manoel Island. Die Insel liegt mitten im Marsamxett-Hafen und ist lurch einen Damm mit dem Festland verbunden. Auf ihr befindet sich ein großer Yacht-Lagerplatz, eine Werkstätte für Glasbläserei (hier werden die für Malta typischen phönizischen Glaswaren hergestellt), und eine ausgedehnte Festungsanlage.
Die Glasbläser-Werkstatt ist schon geschlossen, der Yachthafen ist sowieso nicht für jedermann zugänglich, und die Festungsanlagen, bzw. die noch vorhandenen Ruinen offenbaren sich als wilde Müllkippe. Überall Schrott, alte Autos, Waschmaschinen, Kühlschränke. Die Festungsgräben sind gefüllt mit Müll und Unrat aller Art, es ist frustrierend!
Ich marschiere bald wieder zurück nach S1iema. Auf dem Weg ins Hotel kehre ich auf einen Drink in die Waves-Bar ein und treffe dort Karl. Karl ist 55 und bei der Lufthansa in Frankfurt Crew Controler. Wir haben uns von Anfang an gut verstanden und unterhalten uns auch jetzt wieder so gut, daß aus einem Bier drei werden. Dann gehen wir zusammen zum Essen ins Hotel. Es gibt gedünsteten Lampuki, eine Makrelenart, sehr lecker, aber dieser hat fürchter- lich vie1e Gräten. Aber ich gebe nicht auf, zumal der Fisch in einem sehr feinen Zwiebel-Wein-Sud zubereitet ist. Lieber den Magen verrenkt, als dem Wirt was geschenkt.
Nach dem Essen noch etwas Small talk an der Bar, dann ziehe ich mich zurück. Heute habe ich Kopf schmerzen. Die drei Bier vor dem Essen waren wohl doch keine so gute Idee.

Fortsetzung folgt

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