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Malta. Die letzte Woche

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Montag 6.12. 1993
Klaus und ich sind heute in einer anderen Klasse, eine Etage höher. Unsere neuen Mitschüler sind Udo, ein Anlageberater aus Düsseldorf, Anfang dreißig, smart, glatzköpfig und immer gut drauf, und Frank, Mitte dreißig, kluger Kopf, Leiter einer Sprachschule für Ausländer in Lindau, der auch hier sein Enlisch verbessern will.
Spricht bereits gut Französisch, Italienisch, Spanisch und etwas Schwedisch. Respekt!
Kitty ist uns als Grammatiklehrerin geblieben, danach erscheint Charlene, eine junge Malteserin, recht ernst, lächelt wenig und bringt auch recht nachdenkliche Themen zur Dis-kussion. Wir reden über Gleichberechtigung, Lebenweisen und Famlientraditionen in Malta. Wir erhalten einen Einblick in das Alltagsleben maltesischer Familien, das doch sehr stark von konservativen katholischen Traditionen geprägt ist.
Am Nachmittag erscheint Fleur, eine ebenfalls junge halb Maltese -, halb englischstämmige Dame. Seltsam, die Menschen in Malta legen alle großen Wert darauf, ihre Abstammung aufzuzeigen. Die einen erklären stolz, sie seien 100%ig maltesisch, die Engländer weisen urnmißverständlich darauf hin, daß sie reine Briten sind, und beide Seiten schauen ein wenig geringschätzig auf die Mischlinge herab, die ihrerseits entweder auf das eine oder das andere Erbteil stol z sind. Eine verrückte Welt!
Fleuh ist eine Frohnatur, schlagfertig, witzig und blitzgescheit. Sie verwickelt uns in eine Diskussion über das Rauchen, und wir steigen voll ein. Ein to1eranter und zwei militante Nicht-raucher gegen Fleur und mich, die wir beide erst vor kurzer Zeit das Rauchen aufgegeben haben (lnzwischen bin ich schon wieder rückfällig geworden.) Die Zeit vergeht wie im Fluge, und um halb vier brechen wir ab, versöhnlich natürlich denn es soll ja noch weiter Spaß machen.
U1i ist nirgends zu sehen, offenbar schon gegangen. So trinke ich meinen Kaffee an der Strandpromenade, bummele durch ein neueröffnetes Einkaufszentrum mit lauter hochpreisigen Schickerialäden, kaufe noch ein para Geschenke für die Lieben daheim, lande auf ein Bier in der Waves-Bar und laufe recht-zeitig mzum Essen mi Hotel ein. Nach dem total verregneten Wochenende herrscht heute wieder strahlender Sonnenschein, der sich auch die nächsten Tage noch fortsetzen soll. Bin neugierig, ob es am Mittwoch (hoher Feiertag in Malta) wieder regnet.
Dienstag, 7.12.1993
Wieder herrliches Wetter. In der Klasse haben wir noch einen weiteren Mitschüler, Gilles, ein Jurastudent aus Frankreich. Endlich können wir untereinannder nicht mehr soviel Deutsch reden, wei1 er es nicht versteht. Er spricht Englisch mit einem leichten französischen Akzent, ist aber gut zu verstehen, eine Bereicherung für unsere Klasse.
Durch den morgigen Feiertag haben wir diese Woche längere Lektionen, sodaß wir Nachmittags erst um halb vier fertig sind. Gegen fünf wird es bereits dunkel, man kann also nicht mehr viel unternehmen. Auch habe ich den Eindruck, daß der Unterricht mich so in Anspruch nimmt, daß ich zu anderen Aktivitäten kaum noch Lust habe. Dies ist nicht meine Art Urlaub zu machen. Im nächsten Jahr muß es wieder eine aktive Rundreise sein. Der Abend vergeht mit Gesprächen, und Drinks an der Hotelbar.
Mittwoch, 8.12.1993
Heute ist ein hoher katholischer Feiertag, Mariä Empfängnis. Das öffentliche Leben ruht. Wir dürfen etwas länger Schlafen, weil wir nicht zur Schule müssen.. Es herrscht strahlender Sonnenschein.. Nach dem Frühstück verziehe ich mich auf die Dachterrasse, schreibe und lese bis zum Mittag. Uli hat einmal kurz angerufen, sie ist nach dem Frühstück gleich wieder ins Bett gegangen.. Gegen Mittag ziehe ich allein los in die Stadt an die Brücke zum Manoel Island. Dort bummele ich am Kai entlang und betrachte die vielen Yachten, die hier liegen,, große, riesengroße und kleine. Da liegen einige Millionen im Wasser., doch von einem Yachtclub-Restaurant, das im Reiseführer erwähnt wird, find ich keine Spur. Also laufe ich wieder zurück, schaue den Anglern am Kai zu, wärme meine Knochen in der Sonne. In einem Straßenlokal esse ich eine Kleinigkeit (Pizza und Bier) und beobachte die Leute. Die Straße wird zum Korso: Junge Burschen kurven mit ihren aufgemotzten Autos und voll aufgedrehter Stereoanlage die Promenade herauf und hinunter, machen Mädchen an, die wiederum nur darauf zu warten scheinen und aufreizend mit den Hüften wackeln. Die Alten sitzen auf den Bänken und rümpfen die Nase oder hocken in den Restaurants und schlagen sich die Wampe voll.. Meistens sind es englische Touristen im Rentenalter, die hier überwin-tern.
Weiter wandere ich am Strand entlang um die gesamte Nordwestspitze der Landzunge herum, auf der Sliema liegt, umrunde das Tigre Fort und blicke diesmal aus einer anderen Perspektive auf Valetta, das gegenüber in der Nachmittagssonne liegt.
Irgendwann möchte ich einen Kaffee und nehme ihn in meinem Hotel. Beim nachfolgenden Versuch, in meinem Zimmer ein wenig zu lesen, fallen mir die Augen zu, und ich schlafe fest ein. Bin eben doch schon ein alter Zausel.
Abendessen habe ich heute nicht bestellt, es gibt das gleiche wie vor zweiWochen, und es hat mir damals schon nicht geschmeckt. So nehme ich in der Stadt einen kleinen Snäck zu mir, kehre auf zwei Bier in der Waves-Bar ein, unterhalte mich prächtig mit einem alten Briten und kehre gegen neun Uhr ins Hotel zurück. Uli hockt am Fernseher, es gibt F ußball, Barcelona gegen Monaco, aber sie schaut gar nicht hin, sie hat auch so einen faulen Tag hinter sich.Eigentlich hätten wir uns an der Sea-Front begegnen müssen, wir sind -nur zeitversetzt – den gleichen Weg gegangen Sie war dann noch im Kino, hat “Jurassic Park” auf englisch gesehen, aber nichts verstanden. Nun sitzen wir wieder zusammen und quatschen. Man kann sich mit ihr stundenlang unterhalten, es wir eigentlich nie langweilig. Aber gegen 11 Uhr haben wir beide unsere Bettschwere und ziehen uns in unsere Gemächer zurück.

Donnerstag, 9.12.1993
Business as usual. Strahlender Sonnenschein den ganzen Tag, aber wir sitzen in der Schule, büffeln Grammatik, oder disku-tieren über alle möglichen Themen, wobei wir oft verzweifelt herumstottern,, weil uns das passende englische Wort nicht einfällt. Wenn ich aus den vergangenen drei Wochen Bilanz ziehe, so habe ich zwar grammatikalisch und wortschatzmäßig etwas dazu gelernt, aber die Scheu, mich mit fremden Menschen auf Englisch zu unterhalten, habe ich nicht verloren, weil mir im entscheidenden Augenblick immer wieder das passende Wort fehlt. Die Lehrer in der Schule sprechen ein sehr saubere deutliches Englisch,, doch die Leute auf der Straße scheren sich den Teufel um eine deutliche Aussprache, sondern reden wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Und dann stehe ich wieder auf dem Schlauch und verstehe nur Bahnhof.. lch will nach Hause, ich mag nicht mehr.. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Heimweh. Ach, Eule!
Nach der Schule treffe ich Uli bei Any Venti, einem Restaurant an deh Sea-Front. Sie zieht sich mit Todesverachtung eine Lasagne rein, die schon recht übel aussieht.
lch trinke einen Kaffee mit ihr, dann wandehn wir langsam, hier und da noch etwas einkaufend, zum Hote1 zurück.
Zum Abendessen gibt. es heute wieder ma1 Fisch, Lampuki, leicht angebraten und dann gargedünstet. Sehr lecker. Die anderen angebotenen Mahlzeiten kann man getrost verges-
sen.
Freitag, 10.12.1993
Heute ist mein letzter Unterrichtstag.. Kam ich sonst immer mit Uli zu spät, weil sie nicht fertig wurde, so gehe ich heute allein und früher los, um wenigstens an meinem letzten Tag pünktlich zu sein. Dafür kommt Kitty heute zu spät.

Nach der Grammatikstunde herzliche Verabschiedung von Kitty. Dann Konversation mit Marlene, einer Malteserin in den Fünfzigern. Ausgerechnet sie bringt als Diskussionsthema, ob man Weihnachten nicht absch,affen sollte. Sehr schnell ufert die Diskussion aus über die Kirche im al1gemeinen und die katho-lische im Besoonderen., Mir ist nicht wohl bei dem Thema, denn ich ahne, was daraus werden wird. Darum halte ich mich sehr zurück, doch die anderen, außer Gilles, steigen voll ein und kämpfen mit harten Bandagen. Klaus, der überzeugte Katho-lik, steht Marlene zur Seite und ereifert sich genauso mächtig, wie seine beiden Kontrahenten Frank und Udo, die mit dem Katholizismus und besonders dem Vatikan hart ins Gericht gehen.
Diese hitzige Debatte kann nicht friedlich enden, und so bleibt, trotz aller Bemühungen um einen versöhnlichen Schluß, ein schmerzhafter Stachel zurück.
Besonders Malene ist offensichtlich verletzt und verabschiedet sich sehr kühl.
Die Nachmittagslektion schenke ich mir, weil ich heute endlich in die Glasbläserei nach Manoel Island will. Da ich aber nicht schwänzen will, melde ich mich bei Fleur förmlich ab und verabschiede mich von ihr Auch Gillian läuft mir noch einmal über den Weg, als ich mein Zertifikat abhole. Sie war mir von allen Lehrern die 1iebste. Am Kai ist natürlich kein Boot zu sehen, das zur Glasbläserei fährt. Nachdem ich eine knappe Stunde gewartet habe, kommt es endlich und lädt zwei Leute aus. Als ich einsteigen will, sagt der Bootsmann, sie schließen heute um 14 Uhr, jetzt ist es 10 vor zwei. Offenbar haben sie es nicht nötig und ich habe die Nase voll von diesem albernen Spiel. Umgehend nehme ich die Fähre nach Valletta und kaufe dort, was ich an Mitbringseln noch brauche. Bis zum Einbruch der Dämmerung wandere ich durch Va11etta, muß wieder mal mein Armband reparieren lassen, leiste mir einen silbernen Ring und fahre mit einer der letzten Fähren nach Sliema zurück. Es berührt schon eigenartig, bei diesem sommerlichen Wetter die bunte Weihnachtsdekoration in den Geschäften und Straßen zu sehen. Aus zahlreichen Lautsprechern dröhnen Weihnachts-1ieder, immer wieder von Werbesprüchen unterbrochen. Es ist zum Lachen.
Im Hote1 ist der Teufel los,, der Koch ist nicht gekommen.
Offenbar ein Organisationsfehler, und nun steht die Managerin selbst am Herd, kocht wie eine Wilde und schimpft wie ein Rohrspatz. Etwas später als gewöhnlich gibt es dann doch noch etwas zu essen.
Nach einem Drink an der Bar verschwinde ich noch einmal in die Stadt, um zu telefonieren. Dann noch ein Abschiedsbesuch in der Waves-Bar, der Laden brummt wieder, es ist Freitag. Um elf bin ich wieder im Hotel, trinke noch ein Glas mit Uli und verschwinde dann in meinem Zimmer.

Samstag, 11.12.1993
Mein letzter Tag in Malta. Beim Probepacken stelle ich fest, daß ich mehr mit heimnehme, als ich hergebracht habe, der Koffer geht nicht mehr zu. Ich muß noch eine zusätzliche Tasche kaufen. Also wieder in die Stadt. In drei Geschäften finde ich eine passende Tasche, doch nirgends will man meine Visa-Card akzeptieren. So bin ich gezwungen, mir am Automaten noch einmal Bargeld zu besorgen, was mir überhaupt nicht paßt, denn die Gebühr ist im Verhältnis zum benötigten Betrag sehr hoch. Die Tasche, die ich dann kaufe, ist zieml ich groß, und ich kann nur hoffen, daß sie am Flughafen als Handgepäck durch~ geht.
Zurück im Hotel, packe ich nun fast fertig und gehe dann wieder hinaus in die herrliche Sonne. An der Kaimauer treffe ich Uli, die auch ein Sonnenbad nimmt. Wir faulenzen gemei~ im Sonnenschein, sitzen dann stundenlang in einem Restaurant an der Straße, bis die Sonne langsam verschwindet und wandern dann ganz gemütlich wieder ins Hote1 zurück .
Für den Abend habe ich Uli zu einem Abschiedsessen einge~ laden. Wir gehen ins "Maroya", wo ich vor zwei Wochen schon einmal war. Ein Sehr schönes Lokal mit hervorragender Küche. Die Kellner tanzen um uns herum und verwöhnen uns nach Kräften. Aperitif, Vorspeise, Hauptgang, Wein, Dessert. Für Uli, Chefkellnrin in einem Nobelhestauhant im Allgäu, ist es ein Erlebnis, einmal selbst bedient zu werden, und sie verfolgt mit fachmännischen Blicken jeden HandgriffF des Obers. Wir unterhalten uns blendend und wandern nach einem gelungenen Abend an der nächtlichen Strandpronade entlang zurück ins Hotel, nehmen an der Bar noch einen letzten Drink und verab-schieden uns dann. Sie war eine angenehme Urlaubsbekannt- schaft.
Sonntag, 12. 12.1993 Schlecht geschlafen. Um viertel nach vier piepst meine Armbanduhr. Nach einer kurzen Toilette nehme ich mein Gepäck und gehe hinunter. Um fünf Uhr so11 der Bus kommen, er kommt schon um dreiviertel. Ich habe nicht eimal mehr Zeit, meinen Kaffee zu trinken. Unterwegs zum Flughafen nimmt der Bus noch weitere Gäste auf und ist voll, als wir endlich dort ankommen. Das Einchecken geht schnell, und es bleibt mir noch eine Menge Zeit, das Frühstück nachzuholen.
Pünktlich um 7.15 Uhr rollt die Maschine an den Start und hebt mit steilem Winkel ab. Der Flug wird sehr unruhig, wir durch- fl iegen ein Schlechtwettergebiet über dem Mittelmeer mit rasanten Turbulenzen. Später wird es dann ruhiger. Das Essen an Bord ist diesmal ein sehr leckeres English Breakfast mit Schinken, Rührei, Würstchen, gegrillter Tomate und Brot. Zu-frieden döse ich der Landung entgegen. Der Flieger, wieder eine 737-200, ist nur halbvoll, sodaß man etwas mehr Bewe- gungsfreiheit hat.
Beim Landeanflug auf München kommen wir wieder in schwere Turbulenzen, die Kiste bockt und schlingert, daß ein sensibleh Magen schon rebellisch werden kann. Der Pilot bringt sie heil herunter, obengeblieben ist ja bekannt1ich noch keiner, und rollt vor der Halle aus. Drinnen stehen Eule und Willi und winken. Ich freue mich so, daß ich mich als erster zum Gepäckband dränge und ungeduldig auf meinen Koffer warte. Danach stürze ich durch den Zoll, ohne Kontrolle und schon liegen wir uns in den Armen. Bei dem schlechten Wetter, es relgnet und schneit bei ca. 2°C, sind sie in aller Herrgottsfrühe von Nürnberg herübergekommen, um mich abzuholen.
Nach einer zügigen Heimfahrt bei immer noch misehablem Wetter 1iefern sie mich zu Haus ab. lch sehe die Post durch, packe meinen Koffer aus, heize die Wohnung und fahre dann gleich zu den Beiden zurück, wo ein großer Truthahn, Eules Freundin Malou mit Familie, sowie Erika auf mich warten. Ein Festessen und stundenlanges Erzählen beenden diese Urlaubsreise. lch bin wieder zu Hause.

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