Es muß im Jahre 1995 gewesen sein. Ich hatte beruflich einen betriebsinternen Wechsel zu verkraften, für den ich meine ganze Nervenkraft brauchte. Meine bisherige Aufgabe, Gruppenleiter von 30 U-Bahnfahrern und Stellwerkern, wurde mir genommen und ich im Zuge einer Großen Rochade in eine neugebildete Serviceabteilung versetzt, mit der ich mich überhaupt nicht anfreunden konnte, und auch nicht wollte. Ich fühlte mich degradiert und abgeschoben.
Mein damaliger Hausarzt schickte mich zum Nervenarzt, weil er mit mir nicht mehr weiterkam. Der wiederum untersuchte mich gewissenhaft und gründlich, unterhielt sich sehr lange mit mir und schlug mir dann einen mehrwöchigen Aufenthalt in einer privaten Nervenklinik vor. Ich war empört und wollte sofort gehen!
Doch er brachte es fertig, mich zum Bleiben zu veranlassen, mehr noch, mich zu überzeugen,, daß dieser Klinikaufenthalt mir nur nützlich sein könnte. Soweit die Vorgeschichte.
Am späten Vormittag des 30. April 1995 kam ich in der Privatklinik Wirsberg im Frankenwald an. Meine Eule, damals schon, hatte mich hergefahren, blieb noch eine Weile und verabschiedete sich dann, um das Wochenende bei ihrer Schwester zu verbringen, die ganz in der Nähe wohnte.
Mein Nachmittag verging mit Untersuchungen und Arztgesprächen, sowie einem kleinen Spaziergang vor dem Abendessen.
Was es zum Abendessen gab, weiß ich nicht mehr, es schmeckte jedenfalls wie eingeschlafene Füße, und satt war ich auch nicht. Da kam mir ein Plakat ins Gedächtnis zurück, das ich auf meinem Spaziergang gesehen hatte, und das zum Maibaum aufstellen im Nachbardorf einlud. Maibaumaufstellen mit Bratwürsten und Bier? Das wärs doch jetzt nach dem besch...eidenen Nachtmahl in der Klinik. Also meldete ich mich ab und zog los. Ein kleiner Fußmarsch durch den Wald, halbe Stunde vielleicht, dann würde ich schon die Bratwürste riechen, nach denen mich so gelüstete. Aber es sollte nicht sein.
Auf dem schmalen bergauf führenden Waldweg lag plötzlich ein Regenschirm. Ein Stück des Weges weiter ein Damenmantel, und als ich mich umsah, entdeckte ich an einem niedrigen Baum hängend eine junge Frau. Aufgehängt an ihrem Schal, die Beine krampfhaft angezogen, hing sie dicht über dem Boden. Hätte sie die Beine ausgestreckt, wäre sie auf dem Boden gestanden. Diese Frau aber wollte sterben. Welche Energie gehörte dazu, im Todeskampf die Beine nicht wieder auf den Boden zustellen! Ich kann es bis heute noch nicht verstehen.
Ich betrachtete sie genau, fühlte keinen Puls mehr, der Körper war kalt, das Gesicht war bläulich, die Augen stark aus den Höhlen getreten. Sie war zweifellos tot. Ich ging schnell zurück zum ersten Haus, das ich sah, es war das Haus des Klinikleiters. Ihm berichtete ich meinen Fund, und er kam sofort mit hinaus. Als Arzt konnte er den Tod der jungen Frau sicher feststellen.
Wir schnitten sie vom Baum ab und legten sie behutsam auf den Waldboden. Dann warteten wir sehr lange auf die Polizei, die in Gestalt eines Polizeihauptmeisters nach über einer Stunde eintraf. Er nahm meine Aussage zu Protokoll, und dann durfte ich endlich gehen.
Immer noch hungrig, kein Maibaum, keine Bratwürste und kein Bier, traf ich in der Klinik ein, wo sich die Nachricht schon herumgesprochen hatte. Die Tote war eine Patientin der Klinik gewesen, wie ich jetzt erfuhr. Die Nachtschwester war sehr besorgt um mich, wollte mir ein Schlafmittel geben, aber ich lehnte ab. Ich habe in meinem Berufsleben schon einige Tote gesehen, die schlimmer aussahen als diese junge Frau. Ich hatte kein Problem damit, was wiederum einige ihrer Mitpatienten, die ihr nahegestanden hatten, nicht verstehen konnten. Sie hätten mich wohl gern gesteinigt.
Bevor ich schlafen ging, rief ich noch meine Frau an und berichtete ihr von den Ereignissen. "Ich hol dich sofort da raus!" war ihre erste Reaktion, aber ich beruhigte sie und versprach ihr, gleich schlafen zu gehen. Morgen wollten wir uns dann treffen.
Inzwischen war es auch schon spät geworden, und ich schlief recht gut in den ersten Mai hinein. Ohne Maibaum, ohne Bratwürste, ohne Bier. Kein guter 1. Mai
Kein schöner 1. Mai
